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Zwei Geschichten, die die Open-Weight-Kluft dieses Jahres prägen

Mads Kristiansen

CTO, Liviate

Zwei Geschichten, die die Open-Weight-Kluft dieses Jahres veranschaulichen

Zwei Nachrichten dieser Woche erzählen jeweils eine andere Seite derselben Geschichte: der Kampf darum, wem die offenen Modelle gehören – und was „offen" eigentlich kostet.

Teil 1: Kimi K3 – das größte Open-Weight-Modell der Welt sorgt für Aufsehen

Seit dem Start von Moonshot AIs Kimi K3 am 16. Juli ist das Interesse explodiert, und die Gewichte wurden am 26.–27. Juli unter einer Modified-MIT-ähnlichen Lizenz (der „Kimi K3 License") auf Hugging Face veröffentlicht.

Spezifikation Wert
Parameter 2,8 Billionen (MoE) – das erste Modell der 3-Billionen-Klasse
Kontextfenster 1 Million Token (1.048.576)
Aktive Parameter 16 von 896 Experten pro Token
Architektur Stable LatentMoE + Kimi Delta Attention (KDA)
Quantisierung MXFP4-Gewichte / MXFP8-Aktivierungen
Hosting ab Tag 0 Together AI + Modal

Es ist das größte je veröffentlichte Open-Weight-Modell – ein Sprung, der sowohl Reddit als auch Hacker News dazu brachte, davon zu sprechen, dass das Modell „die Welt verblüfft". Das Besondere ist nicht nur die Größe, sondern der Zeitpunkt: Nur etwa 10 Tage nach dem API-Start folgten die vollständigen Gewichte – ein Tempo, das kein geschlossener Anbieter mithalten kann.

Warum das wichtig ist

Offene Gewichte sind mehr als nur API-Zugang:

  • Self-Hosting & Modifikation – Teams können fine-tunen, quantisieren oder vollständig air-gapped betreiben.
  • Unabhängige Prüfung – Forscher können endlich das MoE-Routing und den Tokenizer untersuchen.
  • Kein Vendor-Lock-in – sobald die Gewichte öffentlich sind, verlagert sich der Preiswettbewerb auf die besten Hoster.
  • Eine überprüfbare kommerzielle Lizenz.

Was steht eigentlich in der „Kimi K3 License"?

Hier wird es interessant – denn die Lizenz hinter K3 ist nicht reines MIT und heißt auch nicht mehr „modified MIT". Es handelt sich um ein völlig eigenständig verfasstes Dokument (die „Kimi K3 License", getaggt als license:other auf Hugging Face), das Moonshot Zeile für Zeile selbst formuliert hat – und anders als viele andere Labs nennen sie es konsequent open weight, niemals open source. Genau darum geht es im Lizenztext: für die meisten Nutzer in der Praxis sehr offen – aber mit kommerziellen Schwellenwerten, die mit der eigenen Größe mitwachsen.

Was die Lizenz selbst abdeckt

Die Lizenz definiert zunächst, was „Software" umfasst: nicht nur die Modellgewichte (weights), sondern auch die Parameter (parameters), die Konfigurationsdateien (configuration files), sowohl Inferenz- als auch Trainingscode (inference and training code) sowie die gesamte zugehörige Dokumentation, zusammengefasst unter einem Begriff („the Software").

Anschließend gewährt sie weitreichende Rechte ganz im MIT-Stil:

Die Rechte, Kopien zu nutzen (use), zu kopieren (copy), zu verändern (modify), zusammenzuführen (merge), zu veröffentlichen (publish), zu verbreiten (distribute), unterzulizenzieren (sublicense) und/oder zu verkaufen; sowie das Modell auszuführen (run), zu deployen (deploy) oder zu fine-tunen und daraus abgeleitete Werke (derivative works) zu erstellen.

Also im Wesentlichen alles, was man normalerweise unter MIT tun kann – aber nur bis man zwei bestimmte kommerzielle Schwellenwerte erreicht, die wir im Folgenden durchgehen:

Schwellenwert 1: Model-as-a-Service + die 20-Millionen-Dollar-Regel

Die Lizenz führt eine eigene Definition von „Model as a Service" (MaaS) ein:

Einem Dritten Zugang zu Sprachmodell-Inferenz oder Fine-Tuning zu geben (z. B. über eine API), auf eine Weise, die dem Dritten bedeutsame Kontrolle über Inputs, Parameter oder Trainingsdaten verschafft.

Eine wichtige Nuance aus dem Lizenztext:

  • (a) Endnutzerprodukte, bei denen die Modellfähigkeit lediglich in bestimmte Features/Harnesses eingebettet ist, zählen nicht als MaaS.
  • (b) Reine Weiterleitung („mere relaying") von Anfragen an von anderen gehostete Modelle zählt ebenfalls nicht als MaaS.

Betreiben Sie jedoch ein MaaS-Geschäft UND übersteigt Ihr gesamter Konzernumsatz 20 Millionen Dollar, gilt Folgendes:

Sie müssen eine separate Vereinbarung mit Moonshot AI abschließen, bevor Sie die Software oder ihre abgeleiteten Werke kommerziell nutzen.

Beachten Sie die Formulierung „aggregate revenue of the Licensee and its affiliates exceeds … in total over any consecutive 12 months" – also der gesamte Konzernumsatz, gemessen gleitend über einen beliebigen Zwölfmonatszeitraum, nicht nur der Umsatz aus dem Kimi-Modell selbst.

Schwellenwert 2: Interface-Attribution

Nutzen Sie die Software oder ihre abgeleiteten Werke in einem kommerziellen Produkt/Dienst, der entweder

  • mehr als 100 Millionen monatlich aktive Nutzer (MAU) hat, oder
  • mehr als 20 Millionen Dollar monatlichen Umsatz erzielt,

müssen Sie den Namen „Kimi K3" in der Benutzeroberfläche (UI) des Produkts deutlich sichtbar anzeigen. Das erinnert strukturell an die Attributionsklausel, die Kimi in K2s Modified-MIT-Lizenz vom Juli 2025 hatte – aber während K2 bei denselben großen Traffic-Schwellenwerten nur eine Attributionsanzeige verlangte, geht K3 weiter, indem es oberhalb der oben genannten MaaS-Umsatzgrenze zusätzlich eine separate Vereinbarung verlangt.

Die Ausnahmen (§4)

Die beiden oben genannten Anforderungen (§2 und §3) gelten NICHT, wenn:

  1. (a) Interne Nutzung: Sie die Software intern so nutzen, dass die Software, ihre Ausgaben oder ihre zugrunde liegenden Fähigkeiten niemals Dritten zur Verfügung gestellt werden.
  2. (b) Offizielle Kanäle: Sie die Software über Moonshots eigene offizielle Produkte oder zertifizierte Inferenzpartner nutzen.

Das bedeutet konkret, dass die typischen Szenarien der meisten europäischen Unternehmen außerhalb beider kommerzieller Beschränkungen liegen:

  • Interne RAG-, Support-, Analyse- oder Coding-Lösungen = interne Nutzung → keine separate Vereinbarung erforderlich.
  • Nutzung über Together AI/Modal/Moonshots eigene Endpoints = zertifizierte Partner → keine separate Vereinbarung erforderlich.
  • Nur wer ein großes öffentliches MaaS-Geschäft auf dem Modell aufbaut UND die 20-Millionen-Dollar-Konzernschwelle überschreitet, muss Moonshot direkt kontaktieren (license@moonshot.ai).

Der Haftungsausschluss (§5)

Schließlich enthält die Lizenz einen Standard-„AS IS"-Haftungsausschluss, ganz im Einklang mit dem Warranty-Disclaimer-Abschnitt vieler Open-Source-Lizenzen: Die Software wird OHNE jegliche Gewährleistung bereitgestellt (einschließlich Marktgängigkeit/Eignung/Nichtverletzung von Rechten Dritter), und Moonshot AI haftet nicht für Ansprüche/Schäden gleich welcher Rechtsgrundlage, die im Zusammenhang mit der Software oder ihrer Nutzung entstehen.

Zusammenfassung in Tabellenform

Lizenzbedingung Detail
Abgedeckte Assets Gewichte + Parameter + Konfigurationsdateien + Inferenz-/Trainingscode + Dokumentation
Grundlegende Rechte Use/Copy/Modify/Merge/Publish/Distribute/Sublicense/Sell/Run/Deploy/Fine-Tune/Derivative Works
MaaS-Definition Inferenz/Fine-Tuning für Dritte mit bedeutsamer Kontrolle; Ausnahmen für eingebettete Features & reine Weiterleitung
Schwellenwert A (20-Mio.-$-MaaS) Konzernumsatz > 20 Mio. $ über 12 Monate + MaaS-Geschäft → separate Vereinbarung mit Moonshot
Schwellenwert B (Attribution) >100 Mio. MAU ODER >20 Mio. $/Monat Umsatz → „Kimi K3" deutlich sichtbar in der UI anzeigen

Die Kehrseite der Medaille

In derselben Woche warnte Anthropic-CEO Dario Amodei genau vor dieser Art der Veröffentlichung – nicht mit einem Verbot von Open Weights („ein öffentliches Gut"), sondern mit Forderungen nach Chip-Exportkontrollen und verpflichtenden Sicherheitstests für offene Modelle aus China.

Der Kontrast: Hält die USA ihre Open-Weight-Versprechen?

Während China Gewichte schnell und offen liefert, stellen Teile der Community die Versprechen amerikanischer Unternehmen infrage:

"OpenAI released gpt-oss 350 days ago… will we ever get an update?" — r/LocalLLaMA

Die Debatte dreht sich nicht nur um ein Modell, sondern um das Muster: Die USA dominieren die Frontier-Modelle, halten sie aber proprietär; China gewinnt im Open-Weight-Segment bei Volumen und Offenheit – eine strategische Verschiebung mit Folgen dafür, wer in der EU tatsächlich lokal auf diesen Modellen aufbauen kann.

💸 Teil 2: DeepSeek stellt den Preiskrieg auf den Kopf

Die zweite große Geschichte kam am Donnerstag, den 6. August: DeepSeek kündigt „signifikante" Preiserhöhungen für seine API-Dienste an – ein deutlicher Bruch mit der Ultra-Niedrigpreisstrategie, die den gesamten chinesischen KI-Preiskrieg bislang geprägt hat.

Aktuelle Preise (vor der Änderung):

Modell Input Output
V4 Pro 0,435 $/M 0,87 $/M
V4 Flash 0,14 $/M 0,28 $/M

Das Unternehmen hat weder das Ausmaß der Erhöhung noch ein Inkrafttretensdatum bekannt gegeben – die Änderung ist also angekündigt, aber noch nicht in Kraft.

Warum jetzt?

Mehrere Kräfte ziehen in dieselbe Richtung:

  • Wirtschaftlicher Druck – Ultra-Niedrigpreise sind unter intensivem Wettbewerb schwer zu halten.
  • Rekordnachfrage – V4 Flash lag mit über 7 Billionen Token an der Spitze von OpenRouters wöchentlicher Rangliste; das steigende Inferenzvolumen drückt auf die Margen.
  • Strategischer Wandel – ein Signal, dass selbst die Niedrigpreisanbieter jetzt Geld verdienen müssen, statt nur Marktanteile zu gewinnen.

Für Entwickler bedeutet das höhere Betriebskosten – aber auch die Erkenntnis, dass „unendlich billige KI" nie ein nachhaltiger Zustand war; irgendetwas musste früher oder später nachgeben.

Das Gesamtbild

Zwei scheinbar gegensätzliche Entwicklungen veranschaulichen denselben Trend:

  1. Die Offenheit beschleunigt sich Richtung Osten (Kimi K3 = das größte je veröffentlichte Modell), während westliche Unternehmen ihre Frontier-Modelle geschlossen halten.
  2. Der Preiskrieg klingt ab (DeepSeek erhöht die Preise) nach monatelangem destruktivem Niedrigpreis-Wettbewerb.

Zusammen deuten sie auf einen reifenden Markt hin: Offene Gewichte werden im Zugang billiger, aber im Betrieb bei Skalierung teurer – und die Frage, wer tatsächlich auf den Modellen von morgen aufbauen kann, wird geopolitischer denn je.

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